W-Seminar-Abend 2019: Einladung zum ‚Querdenken‘

Am 30. Januar 2019 fand am Gymnasium bei St. Anna wieder der diesjährige schulinterne ‚Science Slam‘ statt, dessen großzügiger Sponsor und geistiger Mentor die Societas Annensis ist. Ihr Vorsitzender Prof. Dr. Hans-E. Schurk führte unterhaltsam durch den Abend und kürte zusammen mit seinem Stellvertreter Thomas Kemmerling die Preisträger/-innen.

Vorab würdigte der Schulleiter Herr Schwertschlager alle sieben Nominees und überreichte ihnen für ihre jeweils sehr gute Leistung je einen Buchgutschein: Hannah B. (Antike Mythologie, Frau Dr. Weiser), Marie D. (Gentechnik, Frau Peter), Florian E. (Dystopien und Utopien, Herr Hirsch), Hannah G. (Fantastic Worlds, Frau Dr. Weggel), Anouk H. (Siege und Niederlagen, Herr Fischer), Benedikt R. (Dystopien und Utopien 2, Herr Hirsch), Leonie S. (Analytik, Herr Niedorf).
Das zahlreich erschienene Publikum, darunter unsere gesamte Q11, die sich für ihre eigenen W-Seminar-Arbeiten inspirieren ließ, zeigte sich außerordentlich beeindruckt: von der thematischen Bandbreite der dann folgenden Vorträge und dem souveränen Auftreten der beiden Referentinnen und des Referenten, die völlig frei sprachen. Entsprechend schwer fiel die Wahl beim Publikum-Votum, aus dem sich folgendes knappes Ranking ergab:

Einen hervorragenden 1. Platz belegte Marie D. mit ihrer Problematisierung von „Designerbabys“ (Ethik, Frau Sadlo); den 2. Platz errang Ben R., fast gleichauf in der Stimmenzahl, mit seiner Aktualisierung des „Guy Fawkes-Mythos“ durch die Anonymous-Bewegung (Geschichte, Herr Hirsch) und auf dem 3. Platz rangierte, nicht minder erfolgreich, Leonie S. mit interessanten Einblicken ins Fachgebiet der „Daktyloskopie“ (Biologie, Herr Niedorf).

Trotz ihrer Unterschiedlichkeit bestachen alle drei Themen durch ihre Aktualität, die sich auch in der jeweiligen Relevanz des Digitalen erwies:
So hat die von Leonie prägnant vorgestellte Wissenschaft des Fingerabdrucks zwar eine lange Geschichte (die sich bis zu einer 5000 Jahre alten Handlinien-Abbildung aus Nordamerika zurückverfolgen lässt), ist aber heutzutage, über die Kriminalistik hinaus, längst Standard, wenn z.B. die Smartphone-Sicherung zunehmend per Touch-ID erfolgt. Der unverwechselbare Fingerabdruck, dem bestimmte daktyloskopische Axiome zugrunde liegen, dient seit einem BGH-Grundsatzurteil zum Identitätsnachweis (1952) als anerkanntes juristisches Beweismittel und wurde seitdem als Methode der Spurensicherung perfektioniert und klassifiziert. Heute greift AFIS, ein digitalisiertes System der Erfassung auch einzelner Fingerabdrücke. Empirische Evidenz bewies Leonies Selbstversuch mit dem älteren Galton-Henry-10-Finger-System, aus dem sich eine eindeutige Formel der Identität ergibt.
Gerade nicht identifizierbar sein will die sog. Anonymous-Bewegung, eine in sich heterogene Hacker-Communitiy: Mit ihrem zentralem Erkennungsmerkmal, der Maske aus dem Film „V wie Vendetta“, befasste sich Ben. Anhand gekonnter Analogieschlüsse wies er nach, dass der zugrunde liegende Guy Fawkes-Heldenmythos sein historisches Pendant in der religiös-extremistischen Bonfire Night hat, dem 1605 vereitelten Sprengstoffanschlag auf das englische Parlament. Diese ursprünglich negativ behaftete Traditionslinie verkehrt sich in der heutigen Anonymous-Bewegung, die für Freiheit und Demokratie kämpft, in ihr Gegenteil – unbeschadet partieller Übereinstimmung in Form der Maske, des Kampfs von Gut gegen Böse und der Massenbewegung. Mittels Posts auf der Website 4chan wurde von Anonymous etwa die extremistische Hal Turner-Show mundtot gemacht oder Scientology in die Enge getrieben – unterstützt von real life-Protesten.
Auf das wirkliche Leben zielt auch die computergestützte Entwicklung von so genannten ‚Designerbabys‘ ab, künstlich per In-Vitro-Fertilisation erzeugten Embryonen mit dank CRISPR/Cas 9, einer Genschere, bearbeitetem Erbgut. Mittlerweile ist das erste gentechnisch veränderte Baby auf der Welt – seit November 2018 in China. Hier wie auch in den USA gibt es eine viel liberalere Rechtslage als in Deutschland, wo das Embryonenschutzgesetz Eingriffe in das menschliche Genom ebenso untersagt wie das therapeutische Klonen sog. ‚Rettungsgeschwisterchen‘ für unheilbar kranke Kinder. Nachdem Marie die rechtlichen Voraussetzungen untersucht und die Funktionsweise der Genschere erklärt hat, erörtert sie die ethischen Fragen, denen sich die ‚Schöpfung‘ von ‚Designerbabys‘ stellen muss, und problematisiert gesellschaftliche Langzeitfolgen, wie das potentielle Gefälle zwischen natürlichen und am Computer ‚designten‘ Kindern, das einen ganz neuen Klassenunterschied mit sich brächte. Gerade diese zweifelhafte Zukunftsaussicht, die Marie offenlegt, offenbart, wie unverzichtbar kritisches Denken heutzutage ist.
Und die Preisträgerinnen und Preisträger des W-Seminar-Abends beweisen, wie Prof. Schurk betont, dass uns angesichts einer solchen jungen Generation um die Zukunft nicht bange sein muss – sie sei in guten Händen bzw. in ‚hellen‘ Köpfen gut aufgehoben. Einen Sonderpreis des Vorsitzenden der Societas Annensis erhält abschließend folgerichtig Hannah B.: für ihre Fähigkeit zum ‚Querdenken‘ (bzgl. des Achill-Mythos‘ in Christa Wolfs „Kassandra“; Deutsch, Frau Dr. Weiser). Mit einem großzügigen ‚Fundraising‘ Herrn Kemmerlings für den Abiball der Q12 geht der Appell an die künftigen Ehemaligen einher, bei Gelegenheit ihrer Schule etwas zurückzugeben – denn nur durch fortgesetztes networking lebt eine Ehemaligenvereinigung weiter, auf ganz natürliche Weise.

(Dr. Sandra Schwarz)