{"id":4814,"date":"2019-02-27T09:37:03","date_gmt":"2019-02-27T08:37:03","guid":{"rendered":"http:\/\/gym-anna.de\/wordpress\/?p=4814"},"modified":"2019-06-16T13:41:07","modified_gmt":"2019-06-16T11:41:07","slug":"worte-finden-fuer-das-unfassbare-exkursion-nach-dachau-mit-schreibwerkstatt-auf-der-blutenburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gym-anna.de\/wordpress\/?p=4814","title":{"rendered":"Worte finden f\u00fcr das Unfassbare \u2013 Exkursion nach Dachau mit Schreibwerkstatt auf der Blutenburg"},"content":{"rendered":"<p>Am Morgen des 13.02.2019 trafen sich 42 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Klassen 9P und 9L mit Frau Peter, Frau Kraft und Herrn Port, um gemeinsam mit dem Bus nach Dachau zu fahren. Dort erwartete sie eine F\u00fchrung \u00fcber das Au\u00dfengel\u00e4nde der KZ-Gedenkst\u00e4tte. Mirjam Spandri, Volont\u00e4rin der Gedenkst\u00e4tte, hatte f\u00fcr die einzelnen Stationen passende Texte ausgew\u00e4hlt, die von den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der 9P wechselweise vorgetragen wurden. Durch den Vortrag von Gedichten und epischen Texten der ehemaligen Lagerinsassen Edgar Kupfer-Koberwitz, Edmont Michelet und Walter Buzengeiger wirkten das ehemalige Jourhaus, der Schubraum, der Bunker, die Bewachungsanlage, die Totenkammer und die Baracke noch authentischer. Die zynische L\u00fcge \u201eArbeit macht frei\u201c im Eingangstor veranlasste Kupfer-Koberwitz zu einem entlarvenden Sonett aus der H\u00e4ftlingsperspektive:<\/p>\n<p>Die L\u00fcge im Tor<\/p>\n<p>\u201eArbeit macht frei\u201c ist mitten im Tor<\/p>\n<p>In Eisen geschmiedet zu sehn,-<\/p>\n<p>Die Augen halten staunend davor,<\/p>\n<p>jedes Mal wenn durchs Tor wir gehen.-<\/p>\n<p>Arbeit macht frei,- so l\u00fcgen sie<\/p>\n<p>Arbeit macht frei,- so tr\u00fcgen sie,<\/p>\n<p>Arbeit macht frei,- doch zahlen sie<\/p>\n<p>Arbeit mit Tod zur\u00fcck.-<\/p>\n<p>Arbeit macht frei,- das ist der Hohn,<\/p>\n<p>Arbeit macht frei,- o Deutschlands Sohn,<\/p>\n<p>Arbeit macht nicht frei!-<\/p>\n<p>So sieh es doch, was alle sehn.<\/p>\n<p>\u201eDer Tod macht frei!\u201c- \u201edas sollte stehn:<\/p>\n<p>\u201eTod l\u00f6st die Tyrannei\u201c<\/p>\n<p>(Edgar Kupfer-Koberwitz: Dachauer Tageb\u00fccher. Aufzeichnungen des H\u00e4ftlings 24814, M\u00fcnchen 1997, S. 540)<\/p>\n<p>Nina Schiffner, die G\u00e4stef\u00fchrerin, kam im Bunker auf die Geschichte ihres Gro\u00dfvaters zu sprechen, der einer der ersten H\u00e4ftlinge in Dachau war, welches 1933 er\u00f6ffnet wurde. Da er noch vor dem Zweiten Weltkrieg als Regimekritiker (Kommunist) inhaftiert wurde, hatte er das Gl\u00fcck, an einem Gnadentag entlassen zu werden. Dennoch musste er neun Tage Dunkelhaft im Bunker erdulden, unter Bedingungen, die man sich nicht vorstellen kann und will. Die Situation der H\u00e4ftlinge versch\u00e4rfte sich nach Kriegsbeginn zusehends. Gut nachvollziehen l\u00e4sst sich das in der Rekonstruktion der Baracke, in der die unterschiedlichen Aufteilungen der Stuben begehbar sind. Schiffner schilderte drastisch die Schikane-Ma\u00dfnahmen, die zu der r\u00e4umlichen Enge, der K\u00e4lte, dem Hunger und der v\u00f6llig fehlenden Privatsph\u00e4re hinzukamen. So mussten jeden Morgen die Strohmatratzen und die Betten akkurat rechtwinklig geformt, die Karos dabei parallel ausgerichtet werden. Bei geringstem Regelversto\u00df wurde das gesamte Bettzeug aus dem Fenster geworfen und blieb bis zum Abend bei jeder Witterung dort liegen:<\/p>\n<p>\u201eDie gesamte Ordnung im Block ist darauf ausgerichtet, den Menschen st\u00e4ndig das Gef\u00fchl ihrer Bedeutungslosigkeit, die Notwendigkeit, sich dem Zwang zu f\u00fcgen, vor Augen zu halten. Die Handt\u00fccher m\u00fcssen dreigefaltet im Spind h\u00e4ngen, sie werden niemals trocken, aber die Ordnung ist gewahrt. Sofort nach dem Wecken m\u00fcssen wir Betten bauen, eine ganze Wissenschaft hier in Dachau. Die Strohs\u00e4cke d\u00fcrfen nicht die geringste Ausbuchtung zeigen, die P\u00f6lster m\u00fcssen ausgerichtet sein, selbst das Karomuster auf dem Bezug muss parallel mit den Linien gef\u00fchrt sein.\u201c (Hermann Langbein: Die St\u00e4rkeren. Ein Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern, K\u00f6ln 1982, S.60)<\/p>\n<p>Allerdings gab es noch weitere drakonische Strafma\u00dfnahmen, welche im Schubraum dokumentiert werden. Dort mussten sich die Neuank\u00f6mmlinge v\u00f6llig entkleiden und alle pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde abliefern. Dies wurde akribisch dokumentiert, f\u00fcr den Fall, dass der H\u00e4ftling wieder entlassen werden sollte und seine pers\u00f6nliche Habe zur\u00fcckerhielt. Die B\u00fcrokratiewut der SS zeigt sich auch darin, dass die Hinterbliebenen der Opfer schriftlich benachrichtigt wurden und auf Verlangen und gegen Bezahlung sogar die Asche der Toten erhalten konnten. Da die Verbrennungen massenweise stattfanden, war es nat\u00fcrlich unm\u00f6glich, die richtigen \u00dcberreste zu finden. Diese wurden, wie alles, was den Toten abgenommen wurde, zu Geld gemacht und als D\u00fcnger f\u00fcr die Felder verkauft. Alle diese Ma\u00dfnahmen hatten das Ziel, den Lagerinsassen ihre W\u00fcrde zu nehmen und ihnen ihre Wehrlosigkeit vor Augen zu f\u00fchren. Um der st\u00e4ndigen Willk\u00fcr und der Aussichtslosigkeit zu entkommen, gab es viele, die \u201ein den Zaun gingen\u201c, der unter Strom stand und von den schwerbewaffneten Wachen gesichert wurde. Nina Schiffner beendete die F\u00fchrung mit dem bekannten Text von Martin Niem\u00f6ller, der die Folgen der Passivit\u00e4t der Mitbev\u00f6lkerung zeigt:<\/p>\n<p>\u201eAls die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der demonstrieren konnte.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gym-anna.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/KZ_DA_2-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-5059 alignleft\" src=\"http:\/\/gym-anna.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/KZ_DA_2-1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Im Anschluss an die F\u00fchrung fuhren beide Klassen nach einer kurzen Mittagspause mit dem Bus nach Pasing zum Schloss Blutenburg, in dem das weltweit gr\u00f6\u00dfte Archiv von Kinder- und Jugendb\u00fcchern und diverse Museen, u.a. das Erich-K\u00e4stner-Museum und eine Br\u00fcder-Grimm-Ausstellung, untergebracht sind, welche von der Klasse 9L besichtigt wurden. Die 9P durfte an einer Schreibwerkstatt unter der Leitung des Lektors Frank Griesheimer teilnehmen, der einige bekannte Kinder- und Jugendbuchautoren betreut (hat), darunter die im Januar verstorbene Miriam Pressler, Klaus Kordon oder auch Michael Endes posthum erschienenes Fragment \u00fcber den Raubritter Rodrigo Raubein. Momentan auf der Spiegel-Bestsellerliste steht die von ihm lektorierte Neuauflage des Tagebuchs der Anne Frank, welches von Miriam Pressler in erweiterter Fassung neu \u00fcbersetzt wurde. Nach einer kurzen Einf\u00fchrung sollten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die Erfahrungen am Vormittag in ein Wort fassen. Auffallend an der Sammlung war die H\u00e4ufigkeit von Abstrakta wie Rassen, Entsetzen, Dem\u00fctigung, aber auch entmenschlicht, unmenschlich und menschenverachtend. Danach stellte Herr Griesheimer den Jugendlichen zwei Schreibaufgaben zur Wahl. Sie konnten entweder einen Brief aus dem KZ schreiben oder einen Auszug aus Agnes Sassoons autobiografischem Zeugnis \u201e\u00dcberlebt\u201c fortsetzen. Dieser endete mit den Worten: \u201eIm \u201aUmkleideraum\u2018 erblickte ich Alex zum ersten Mal.\u201c Nach 25 Minuten Schreibzeit und einer kurzen Pause hatten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die Gelegenheit, ihre Texte lektoriert und kommentiert zu bekommen. Interessant waren die unterschiedlichen Zugangsweisen, der Wechsel der Perspektiven und teilweise unerwartete Handlungsverl\u00e4ufe. Am Ende durften die jungen Autorinnen und Autoren ihre Texte zur Archivierung in der Blutenburg zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>Begleitet wurden beide Einheiten von den beiden Volont\u00e4rinnen \u00c9lodie Malanda und Mirjam Spandri, die eine bessere Vernetzung erreichen wollen. W\u00fcnschenswert w\u00e4re, dass dieser Workshop insgesamt mehr Bekanntheit erreicht, denn bislang sind nur zehn der j\u00e4hrlich ca. 1600 F\u00fchrungen in Dachau mit einer Schreibwerkstatt verkn\u00fcpft, welche den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern die M\u00f6glichkeit bietet, das Erlebte unmittelbar zu verarbeiten.<\/p>\n<p>(Andrea Peter)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des 13.02.2019 trafen sich 42 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Klassen 9P und 9L mit Frau Peter, Frau Kraft und Herrn Port, um gemeinsam mit dem Bus nach Dachau zu fahren. Dort erwartete sie eine F\u00fchrung \u00fcber das Au\u00dfengel\u00e4nde der KZ-Gedenkst\u00e4tte. 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