„Da erst begreif ich, dass ich wohl gestern Nacht zum ersten Mal mir selbst gehörte.“

Bild: Sophie Q12

… Worte, die am Mittwoch, den 15.04. einige der Schülerinnen und Schüler des Anna-Gymnasiums aus der Q12 in Staunen versetzten. Mit ihren Deutschkursen besuchten sie das Drama „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist im Residenztheater in München. Da das Werk seit Neueinführung des G9 eine der Pflichtlektüren in der Oberstufe ist, waren sie im Theatersaal nicht die einzigen Abiturientinnen und Abiturienten unter den Zuschauern, welche sich neben einem schönen Abend eine schauspielerische Umsetzung des Werkes als Unterstützung für die Abiturvorbereitung nicht entgehen lassen wollten.

Auf den ersten Blick wirkte die Inszenierung auch ziemlich „klassisch“ gehalten und wohl so, wie auch Kleist es sich damals vorgestellt hätte. Doch kamen den Schülern im Laufe des Stückes doch ein paar Fragen und Verwirrung bezüglich der gewählten Inszenierung auf. Wieso fehlt der Vater von Ruprecht, welcher doch so entscheidend für die Eltern-Kind-Dynamik des Stückes ist? Weshalb ist die eigentlich so starke Liebesbeziehung zwischen Eve und Ruprecht kaum zu erkennen und die letztendliche Versöhnung weggefallen? Und vor allem: Weshalb wird das Attest, welches eigentlich erst gegen Ende des Stückes Eves Verhalten den Zuschauern erklären soll, schon fast zu Beginn von Adam angesprochen? Die zentralen Gründe hierfür liefert das Ende der Inszenierung.
Im Gegensatz zum bisherigen Verlauf ist dieses nämlich alles andere als „klassisch“. Während Richter Adam im Original von Kleist die Flucht ergreift und der Zuschauer ein Happy End serviert bekommt, sieht man hier statt eines Kusses, wie Ruprecht seine Eve bespuckt und ihr die Beleidigung „Metze!“ ins Gesicht wirft. Ganz zum Schluss eröffnet Eve: „Mein Körper war ja unterworfen stets der Mutter, Arbeit und Dressur. Nun, wo eigenmächtig ich den selbigen für dich verschleudert habe, da erst begreif ich, dass ich wohl gestern Nacht zum ersten Mal mir selbst gehörte.“
Erst in der Nachbesprechung in der darauffolgenden Deutschstunde wurde klar, dass das Ende der Inszenierung die entstandenen Fragen beantwortet: Während Kleist den Fokus vor allem auf den sich wider Willen selbst richtenden Adam und die endgültige Versöhnung der beiden Familien zum Schluss legte, lag der Schwerpunkt des Residenztheaters auf Eves gefundener Selbstbestimmung, wodurch ein wichtiges feministisches Zeichen gesetzt wurde. Im ursprünglichen Drama zeigten die Figuren Verständnis für Eves Lage, nachdem sie diese ausgesprochen hatte, während sie in der Inszenierung dafür verurteilt wurde, ihren eigenen Körper jedoch trotzdem über die Zwänge der so urteilsreichen Gesellschaft setzt.
Wenn wir aktuelle politische Ereignisse anschauen, zum Beispiel den Fall Fernández oder auch US-Präsident Trumps Politik zu Abtreibungen, zeigt uns das die anhaltende Aktualität der Botschaft von „Der zerbrochne Krug“ und insbesondere dieser Inszenierung. Auch heutzutage haben Frauen noch immer nicht die uneingeschränkte Macht über ihren Körper, selbst wenn wir das im Alltag oft nicht bemerken.

(Emma Satzger, Frieda Döhring, Q12)